Handwerk, Umwelt und Werthaltigkeit

Vorwort

Ich möchte hier gerne ein paar Gedanken zum Thema Bauen und Wohnen teilen. Beide Bereiche beeinflussen nachhaltig unsere mittel- und unmittelbare Umwelt. Dabei greife ich verschiedene Themen auf. Jedes für sich wäre einen eigenen, diskutablen Beitrag wert. Was gleich folgt, kann also leider nur an der Oberfläche kratzen. Ich hoffe, damit einen Denkanstoß geben zu können, möchte dabei aber niemandem auf den Schlips treten. Für Kritik, Fragen oder ein persönliches Gespräch bin ich offen. Also nutzt gern das Kontaktformular!

Gespür für Qualität

Steile These: Im Laufe der Zeit ging unser Gespür für Wohngesundheit und Wertigkeit verloren. Und ich möchte mich dabei gar nicht ausklammern. 3 Überlegungen dazu:

#1: Meine erste Einrichung bestand großteils vom großen, blaugelben Möbelhaus. Und das muss per se auch nicht schlecht sein. In jungen Jahren fehlt es häufig an Geld. Zudem geht der Mensch gern mit Trends. Mittlerweile frage ich mich aber, ob es alle Stücke gebraucht hat. Oder hätte ich doch lieber nur auf essenzielle Möbel und dafür auf zeitloses Design und hochwertige Materialen setzen sollen? Natürlich! Aber was weiß man denn mit Anfang 20.

#2: „Toll, der neue (Vinyl-)Boden sieht ja täuschend echt wie Holz aus!“, „So gut zu reinigen. Und so unempfindlich!“
Müssen wir wirklich alles mit Plastik überziehen, weil wir verlernt haben, dass natürliches Material mitlebt? Könnten wir nicht über den ein oder anderen Kratzer hinwegsehen und uns an der Natürlichkeit des Holztischs erfreuen? Ist es das, was die Industrie mit ihrer Werbung erreicht hat? Eine Z***-wisch-&-weg-Generation?

#3: Eine umfangreiche Renovierung oder ein Neubau stehen an. Da kommt schnell Einiges zusammen und zum Schluss hin hat vieles mehr gekostet als zunächst geplant. Aber deshalb zum Ende hin auf das billigste Material setzen? Bei den Wand- und Bodenflächen zu sparen anfangen? Welche Materialien wollen wir in unserer unmittelbaren Umgebung einsetzen? Einer Umgebung, in der wir einen Großteil unseres Lebens verbringen?

Welcher Preis tatsächlich gezahlt wird

Grundsätzlich, glaube ich, sollten wir uns außerdem mehr verdeutlichen, was Handwerk und Material wert sein muss. Und ja, ich bin der Meinung es muss uns im Großen und Ganzen wert sein.
Was ist denn die Alternative? Dem günstigsten Angebot hinterherjagen? Aufwändig transportierte Ware aus Billiglohnländern kaufen, die meist aus ungesundem Material besteht und häufig einem Trend folgt? Das Ganze hält dann meist auch nicht lang und sieht zu alledem irgendwann auch noch oll aus. Und dann? Richtig, Sondermüll – aber war ja günstig, lässt sich verkraften. Letztlich alles auf Kosten unserer Umwelt und unseres Umfelds, sprich Wohnraum.
Natürlich ist es verlockend, was uns die Industrie da anbietet. Seien es Möbel, Bodenbeläge, oder Plattenware aus sogenannten Holzwerkstoffen. Optisch einigermaßen ansprechend und zudem „preislich interessant“. Nicht zwangsläufig langlebig, aber das soll’s ja aus Sicht der Hersteller auch gar nicht sein. Lieber schneller austauschen und neu kaufen.

Und was bleibt am Ende dem oder der Handwerker:in? Am einfachsten ist es natürlich, mitzuspielen und unter Umständen Material zu verbauen, welches er oder sie selbst ungern im Haus hätte.
Die Ausführung macht dabei dann wenig Spaß und die Kunden leben, nicht selten, mit einem Kompromiss.
Im schlimmsten Fall mit einem, der die Wohnqualität schmälert und sich zu alledem negativ auf die Raumluft auswirkt.

Wohngesundheit

Denn sind wir mal ehrlich. Wer lüftet im Homeoffice jede Stunde durch? Eben.
Wir verhalten uns immer noch so, wie wir es von unseren Eltern oder Großeltern vorgelebt bekamen. Aber früher waren die Häuser auch zugiger und Luftaustausch fand meist besser statt.

Heutige Häuser werden – um Energie zu sparen – immer dichter. Dazu stehen dann noch folierte Spanplattenmöbel auf Vinylböden mit Weichmachern und konservierungsmittelhaltige Wandfarben schmücken die Wände. Unser Nervensystem nimmt diese formaldehyd- und isocyanatgeschwängerte Umgebungsluft – von uns unbemerkt – wahr und kann diese unnatürlichen Stoffe nicht einordnen. Dadurch wird unterbewusst ein „Teilalarm“ ausgelöst und wir reagieren innerlich angespannt, wissen aber gar nicht warum.
Das ließe sich wahrscheinlich eindämmen, indem wir uns mehr mit natürlichen Baustoffen umgeben. Holz und Lehm beispielsweise kennen wir als Spezies schon seit Jahrmillionen. Sie sorgen für ein wohngesundes Umfeld, sehen natürlich schön aus und können auch im modernen Kontext wunderbar eingesetzt werden.
Lasst uns  doch wieder mehr auf natürliche Materialien achten, die uns zumindest in den eigenen Wänden nicht noch zusätzlich stressen!

Nachhaltiges Bauen

Da wir gerade beim Material sind: wo kommen eigentlich unsere Baustoffe her? Wie lange sind sie verfügbar?
Uns sollte mittlerweile klar sein, dass erdölbasierte Kunststoffe in jeder Form keine Zukunft haben. Aber auch Sand und Zement werden durch den anhaltenden Bauboom knapp. In Putz oder Beton sind die Rohstoffe meist fest gebunden und können nach der Nutzung besten Falls re-, eher aber nur downgecyclet werden. Das erhöht den weiteren Verbrauch. Lehm, auf der anderen Seite, kann wieder aufgeweicht und neu verwendet werden.
PVC in Böden kann theoretisch wiederverwertet werden, wird meist aber thermisch verwertet, also verbrannt. Massive Holzwerkstoffe, die ohne Leimverbindungen auskommen, könnten wieder zerlegt und neu verwendet werden. Nehmen wir jahrhundertealte Dachstühle. Bereits verbaute Holzbauteile wurden häufig wieder genutzt. Massives, gesundes Bauholz und leimlose Verbindungen waren dafür natürlich Voraussetzung.

Regionalität

Die Globalisierung kommt dem Handwerk vermeintlich zugute. Und treibt teils seltsame Blüten.
(Ost-)europäische Hölzer, im besten Fall FSC-zertifiziert – im schlechtesten Fall Schwarzfällungen aus Naturschutzgebieten, werden nach China verschifft und dort – unter welchen Umständen auch immer – verarbeitet. Nur um sie dann zu uns zurück zu schicken. Namhafte Marken pappen ihr Logo darauf und verkaufen es dem gutgläubigen Kunden als tadelloses Naturprodukt. Und das alles ist dann auch noch billiger als eine Produktion vor Ort. Verrückt? Absolut!

Nun macht uns die derzeitige Pandemie aber folgendes deutlich:

Seit letztem Jahr sind Container Mangelware. Zum Beispiel weil Häfen im (Teil-)Lockdown waren bzw. sind. Dieser Mangel lässt die Containerpreise und so den Transport teurer werden. Große Absatzmärkte für Holz und Holzwerkstoffe sind die USA und China. Deutschland exportiert also viel und die gestiegenen Mehrkosten werden auf das Material umgelegt. Auf das ganze Material, auch das, was bei uns verbaut wird.

Werkstoffe werden also teurer und bei der anhaltenden Baufreude mitunter auch knapp. Aber nicht weil es an Holz fehlt, sondern wegen Exporten ins Ausland und der gestiegenen Nachfrage bei uns. Die Produktion hinkt so hinterher, dass vor allem das Bau- und Ausbauhandwerk vor einer ungewohnten Situation steht: Ware ist auf einmal nicht mehr „Just-In-Time“ verfügbar und zudem schwankt der Preis auch noch massiv. Eine vernünftige Planung fällt zunehmend schwerer und es wird knifflig valide Angebote zu schreiben. Viele wissen kaum, wann geliefert wird und was es am Ende kostet. Betriebe warten also auf Holzwerkstoffe und Systemdielen der Industrie und vertrösten Kunden. Lieferzeiten von 6-12 Wochen sind momentan keine Seltenheit.

Lichtblick

Doch ein Gutes hat’s. Denn wer kann noch liefern? Alle mit kurzen Wegen, direkten Partnern und regionalen Strukturen. Kleine Sägereien und Manufakturen können nach wie vor produzieren, liefern und die Preise einigermaßen halten. Man muss natürlich einräumen, dass diese „kleineren“ Partner vorher auch schon etwas teurer waren, zumindest im Vergleich zur Industrie. Aber dafür sind sie gerade weniger gebeutelt und weiterhin leistungfähig. Und ich muss sagen, diese Entwicklung freut mich im Sinne eines wirklich nachhaltigen Bauens schon.

In der Fischerei müssen wir gerade nicht mit großen Preisschwankungen kämpfen. Ich war letztes Jahr schon froh, dass wir uns nicht von weither importierter Ware abhängig gemacht haben. Wir achten auf kurze Transportwege und regionalem Bezug. Spätestens jetzt zahlt es sich aus.

Sozialer Wohnungsbau; ökonomische = ökologische Nachhaltikeit

In der Preisdebatte kommt häufig das Argument des „sozialen“ Wohnbaus. Wie sollten ökoligischere und damit – noch – teurere Produkte dort eingesetzt werden?
Doch ganz ehrlich: was ist daran sozial, Menschen mit weniger Einkommen in ungesunderen Räumen leben zu lassen, nur weil das Material günstiger ist?
Eine Lösung wäre es zum Beispiel eine CO2-Bepreisung für Baustoffe einzusetzen. Dann würde sich die Marktlage schnell einpendeln, da für konventionelle Baustoffe mit höheren Emissionen mehr CO2-Ausgleich gezahlt werden müsste. So könnten sich wiederverwertbarere Baustoffe, die weniger energieintensiv hergestellt werden können (bspw. Lehm, Holz etc.) besser am Markt durchsetzen.

Ein weiterer Weg führt uns in die Betriebswirtschaft. Rechnen wir einmal:
Nehmen wir eine Neubaufläche von ca. 150 m². Ein 8-mm-Stäbchenparkett, weichmacherfrei verklebt, kostet ca. 2500-3000 € mehr als ein hochwertig verbauter Vinylboden.
Bei so einem Neubauprojekt sind 3000,- € – im Hinblick auf die Gesamtkosten – ein überschaubarer Posten.
Beide Bodenbeläge lassen sich grundreinigen und verhältnismäßig gut ausbessern. Gehen wir also im Bestfall von einer Nutzungsdauer von 15 – 20 Jahren bis zur Renovierung/Sanierung aus.
Der Vinylboden wird danach ausgebaut und mit Klebe- und Spachtelmasseresten ziemlich sicher im Mischabfall entsorgt (thermisch verwertet). Es wird ein neuer Boden verlegt. Ausbau, Untergrundvorbereitung und Neuverlegung kosten, mit Material, zurzeit ca. 50 – 60 €/m² netto (natürlich geht es immer günstiger, aber ich gehe von einem qualitativen Mittelwert aus).
Dagegen kann ein Holzboden ohne weiteres mit ca. 30 – 35 €/m² netto renoviert werden. Und obiges Parkett bietet zukünftig mindestens nochmal eine oder zwei Renovierungen – eine professionelle Verlegung vorausgesetzt. Und meist reicht bei geöltem Parkett nach der Nutzungszeit auch eine günstigere, maschinelle Grundreinigung mit anschließender Einpflege.

Was wir lernen

Natürliches Material, regional bezogen, führt zu kurzen Transportwegen, stärkt die heimische Infrastruktur und schont, richtig eingesetzt, auf lange Sicht Ressourcen und Umwelt. Es steigert die Wohn- und damit die Lebensqualtität. Eine professionelle, handwerkliche Umsetzung garantiert zum Schluss eine lange Haltbarkeit und Renovierfähigkeit. Das ist dann auf lange Sicht gesehen ökologisch und ökonomisch nachhaltiger als Holzzahnbürsten und Glastrinkhalme (wobei ich die der Materialität wegen schon lieber habe).

Teilen: